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Martin Schneider
Kennst du Leo Tolstoi? 

Welche Persönlichkeit steckt hinter diesem großen Mann der russischen Literatur? Über das bewegte und gegensätzliche Leben Tolstois weiß dieses Buch zu erzählen. Zugleich stellt es einige ausgewählte Werke dieses großen Visionärs in Auszügen vor.

 

Berliner Eckensteher

Berliner Eckensteher

Adolf Glassbrenner

Unter allen Plebejern des stolzen Berlins verdienen sie als die zahlreichste und merkwürdigste Klasse zuerst genannt zu werden; wer je durch die großen und schönen Straßen der preußischen Residenz gewandelt ist, dem wird gewiss diese komische Nation aufgefallen sein, die sich durch ihre Sitten, durch ihren immerwährenden Durst, durch ihre Faulheit und ihre grenzenlose Gleichgültigkeit gegen alles, was in ihnen und um sie vorgeht, (mit Ausnahme von Prügeleien) und durch handfesten Witz auszeichnen. Sie sind bei Alt und Jung unter dem Namen „Eckensteher" bekannt; Spötter nennen sie auch Sonnenbrüder, weil sie - wenn sie nicht zufällig einen Gang, etwa in die Destillations-Anstalt, haben - mehrere Stunden lang in der Sonne sitzen bleiben, ohne sich irgend anders zu beschäftigen, als eine Prise nehmen oder schlafen. Seitdem ihnen von Obrigkeitswegen ein Schild mit einer Nummer gegeben ist, heißen sie auch Schildkröten. Nur Geheime - Räthinnen - diejenigen Damen, welche in Berlin den Übergang vom Bürgerstande zum Adel bilden, nennen sie Lazzaroni, und zwar nur aus dem einzigen Grunde, weil dies Wort ein fremdes ist. Damen von Stande finden die deutsche Sprache für viele Bezeichnungen nicht poetisch genug....

Die Kleidung dieser Straßen-Beamten ist höchst einfach und zerrissen; sie tragen gewöhnlich eine Jacke, die löchrig ist, ja man sieht sogar welche, die barwade... gehen. Auf dem linken Arm hat jeder ein Schild mit einer Nummer - damit man sie im Falle des Greifens bei der Polizei fassen kann - über ihren Schultern hängt eine Hilfe (hilflos sind wenige), und ihre Kopfbedeckung ist eine Mütze, auf welche die wechselnden Farben des Schicksals so viel Eindrücke gemacht haben, dass man ihre ursprüngliche Farbe selten erkennen kann. Die Schildkröten stehen oder sitzen vielmehr an einer Straßenecke, von der ein Branntweinladen nicht fern ist. Ihr Charakter ist menschenfreundlich, unbescheiden und standhaft; sie tragen Alles mit Geduld und fordern hernach 10 bis 15 Silbergroschen. Das Nebengeschäft dieser Leute ist Möbel karren und Wäsche rollen, zu den Hauptgeschäften gehört: Müßiggang, Schnapstrinken und - Prügeln.

Letzteres ist ihr größtes Vergnügen. Kein Fest, es mag einen Namen haben, welchen es will, endigt sich ohne Prügelei - fügt das Schicksal nicht die aufgeregten Gemüter zusammen, so rufen sie den Schlachtengott selbst herbei. Da sitzen sie des Abends in der elenden Schnapsbude und rauchen gemütlich aus der kurzen Pfeife den vaterländischen Knaster, der, beiläufig gesagt, schon selbst zu Stänkereien Anlass gibt; da sitzen sie mit übereinander geschlagenen Beinen und schauen sich in die von der Sonne gelb gebrannten Gesichter....Schlägt nun endlich die Stunde, in der sie sich gewöhnlich zu trennen pflegen, so erinnern die Schläge auch sie an diejenigen, welche sie verteilen oder empfangen wollen.

Selten lacht der heitere Himmel der Eintracht in ihren Unterhaltungen, ist dies aber wirklich mal der Fall, so rufen sie selbst einige trübe Wölkchen der Zweitracht herbei, die sich nach und nach auftürmen und endlich durch ein fürchterliches Gewitter zerteilen. Es muß ein organischer Fehler in dem zarten Nervensystem der Eckensteher sein, aber: ohne Prügel können sie nun einmal nicht schlafen, und sollte es, vermöge der herbeieilenden Polizei, auf dem harten Bette der Wachstube sein: nur dann schließen sie ihre Augenlider, wenn ihre Rippen weich geworden sind - höchstens begnügen sie sich mit einer stolzen Beule, die sich an ihrem Kopfe breit macht. - Hat nichts Veranlassung zu Streit gegeben, so nimmt irgendeiner das unschuldigste Wort übel und rächt sich zuvörderst durch einen: „Ochse! „Esel"! oder sonst durch andere Benennungen aus dem weiten Kreise des Tierreichs gegriffen. Diese, die Ehre eines Eckensteher im Leibe und empört über das Verkennen seiner Persönlichkeit, erwidert den Gruß des Gegners auf dieselbe Weise, trägt aber womöglich noch etwas stärker auf. - Haben sie endlich das mächtige Reich der Verbal-Injurien erschöpft, so gehen sie zu den Real-Injurien über, die in so genannten Katzenköpfen, Maulschellen, Ohrfeigen, Knuffen, Buffen oder ähnlichen Variationen über das Thema: „Hiebe" bestehen. Aber sie sollen nicht die einzigen sein, die genießen! Die Fackel der Zwietracht ist einmal in die durch den Spiritus leicht entzündbaren Gemüter geworfen, und das Feuer greift um sich. Dieser geht zu jener Partei über, jener zu dieser - und nun geht`s los! Stöcke werden aus allen Winkeln gesucht; unschuldige Dinge, die nie einen solchen Beruf geahnt haben, werden zu Waffen gestempelt; aus den Schemeln werden die Beine gerissen, und was irgend nur Faust heißt, fällt auf irgend einen Teil des ne-benmenschlichen Körpers dermaßen nieder, dass verschiedene Öffnungen entste-hen, welche das erhitzte Blut auf die teilnahmslosen Kleider abkühlen lassen.

So verstreicht der Abend unter fröhlichen Genüssen aller Art, von denen das Finale der schönste war. Sind die zärtlichen Eindrücke der Freundschaft vorüber, so reichen sich unsere Helden die  Hände, gehen ruhig nach Hause oder in die Wache, und sitzen am anderen Morgen auf der steinernen Treppe eines Eckhauses, nehmen aus der Seitentasche ihr Stück Brot, einen Schnitt Käse und die Schnapsflasche hervor, und frühstücken.

Vermöge ihrer Faulheit sitzen sie ganz ruhig, wenn jemand naht und einen von ihnen dingen will; pomadig warten sie es ab, welchen der Fremde vorziehen wird, und beneiden den Gewählten auch dann nicht, wenn er mit dem verdienten Geld heimkehrt; denn sie haben sich ja, während er tragen musste, von ihrem Nichtstun - ausruhen können. Auch für die Liebe ist das Herz des Eckenstehers ganz abgestumpft. Wenn jeder gemeine Soldat, jeder Hausknecht, jeder Handlanger in Berlin sein Liebchen hat, das sich des Abends vom Herde losreißt, um ein Stündchen mit dem Liebsten zu schwatzen und zu kosen, und um ihm vielleicht mit dem erübrigten Braten usw. eine seltene Mahlzeit zu machen, so wird man nie einen Eckensteher sehen, der auch nur mit einem Mädchen spricht, viel weniger kost. - Darin liegt die Charakteristik dieser Leute. Ihr Herz ist nicht weich genug für die höheren Güter der Erde; durch eine niedere Erziehung, durch immerwährende Knechtschaft, und durch frühere Ausschweifungen ist ihr Herz rau und kalt geworden, und Freundschaft und Liebe ziehen spurlos vorüber.

Nichts als die Prügel und der Schnaps vermag einen Eindruck auf sie zu machen, und ohne Hoffnung, ja ohne den Willen, je ein besseres Los zu erringen, verleben sie ihre Tage in ewiger Gleichheit...

Lied der Eckensteher

Frontispiz zu "Eckensteher Nante im Verhör" von 1833
Frontispiz zu "Eckensteher Nante im Verhör" von 1833

 

Det beste Leben hab`ick doch;
Ick kann mir nich beklagen,
Pfeift ooch der Wind durch's Ärmelloch,
Det will ick schonst verdragen.

Det Morjens, wenn mir hungern dhut,
Eß ick ‚ne Butterstulle,
Dazu schmeckt mir der Kimmel jut,
Aus meine volle Pulle.

Ick sitz' mit de Kam`raten hier,
Mit alle, jroß und kleene;
Beleidigt ooch mal eener mir,
So stech`` ick ihm jleich eene!

Und drag`ich endlich mal wat aus,
So kann ick Jroschens keifen,
Hol`wieder meine Pulle raus,
Un dhue eenen pfeifen.