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Weihnachten bei Familie Luther

Christoph Werner

Luthers jüngster Sohn erzählt vom Christfest

Paul Luther, der jüngste Spross der Lutherfamilie, gewährt dem Leser Einblick in sein Leben und das seiner Familie.
Er berichtet von seiner Kindheit in Wittenberg und der Krankheit seines Vaters, von seiner Verwicklung, die ihm als Leibarzt widerfuhren, und von den Intrigen am Gothaer Hof. Reichlich illustriert öffnen sie dem Leser die Tür zur Weihnachtsstube der Familie Luther.

Otto Reutter

Otto Reutter

Kurt Tucholsky

Ein schlecht rasierter Mann mit Stielaugen, der aussieht wie ein Droschkenkutscher, betritt in einem unmöglichen Frack und ausgelatschten Stiefeln das Podium. Er guckt dämlich ins Publikum und hebt ganz leise, so für sich hin, zu singen an. Diese Leichtigkeit ist unbeschreiblich. Es ist gar nicht einmal alles so ungeheuer witzig, was er singt, das kann es wohl auch nicht, denn er singt da gerade das zweitausendvierhundertundachtundzwanzigste Couplet seines Lebens, und so viele gute gibt es nicht: aber dieser Fettbauch hat eine Grazie, die immer wieder hinreißt. Die Pointen fallen ganz leise, wie Schnee bei Windstille an einem Winterabend. Von den politischen will ich gar nichts sagen. Der Mann hat im Kriege geradezu furchtbare Monstrositäten an Siegesgewissheit von sich gegeben - so die typische Bierbankseligkeit des Hurras, die zu gar nichts verpflichtete, bei der schon das Mitbrüllen genügte. Und wenn er heute politisch wird, dann sei Gott davor. Nicht, weil mir die Richtung nicht passt - sondern weil die Texte verlogen sind.

Diese Pille vorweggenommen: Welch ein Künstler -! Alles geht aus dem leichtesten Handgelenk, er schwitzt nicht, er brüllt nicht, er haucht seine Pointen in die Luft, und alles liegt auf dem Bauch. Ein Refrain immer besser als der andere - wie muss dieses merkwürdige Gehirn arbeiten, dass es zu jeder lustigen Endzeile immer noch eine neue Situation erfindet. Und was für Situationen!

Ein Refrain heißt: „In fünfzig Jahren ist alles vorbei!" Heiliger Fontane, hättest du eine Freude gehabt -! Die Melodie blieb auf „vorbei" in der Terz hängen - erst das Klavier endete sie, und er stand da und machte ein dummes Gesicht. Und sah aus wie ein Kuhbauer und entzückte und charmierte durch seine Grazie. Wenn dich der Zahnarzt, sang er, an einem Zahn durchs Zimmer schleift, und es will nimmer enden - „dann mach dir nichts aus der Schweinerei, denn in fünfzig Jahren ist alles vorbei..."

Und dann ein Lied, meisterhaft, in total besoffenem, von nichts ahnenden Tonfall gesungen:
„Ick wunder mir über jahnischt mehr-!" Abends käme er nach Hause, sang er, und da -

Da steht vor meine Kommode `n Mann -
Der sagt:"Sie ! Fassen Se mal mit an!
Alleene is mir det Ding zu schwer..."
Ick wunder mir über jahnischt mehr -

Und dazu ein Mondgesicht, unbeteiligt, mild leuchtend durch die Wolken - was soll man dazu sagen? Die Leute sagen auch gar nichts, sondern liegen unter dem Tisch, und wenn sie wieder hochkommen, dann verbeugt sich da oben ein dicker und bescheidener Mann, der gar nichts von sich hermacht, obgleich er so ein großer Künstler ist.

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Foto: Creative Commons-Lizenz Bundesarchiv, Bild 102-11315/unbekannt/CC-B-SA