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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Rentier Pusekens Steuer-Erklärung

Rentier Pusekens Steuer-Erklärung

Sigmar Mehring

Rentier Puseke (sitzt am Kaffeetisch und starrt auf das Formular der Steuerklärung):

Wenn ick man bloß den Wisch vom Halse hätte!
Frau Puseken: Na fuchtel man nich mit det Lineal so rum, sonst schmeißte mer noch de Tinte um, wo ick doch erscht zu Weihnachten een reenet Dischtuch ufflelejt habe.
Er: Ick sitz ja schon in die Tinte! Wie soll ick denn das nu mit die Erklärung anfangen!
Da steht: Steuererklärung zum Zwecke der Veranlagung. Wat hab ick denn nu for`ne Veranlagung?

Sie: Jar keene nich! Du un Veranlagung! Wenn wer nich det Haus in de Kietzstraße jeerbt und vorricht Jahr den Lotteriejewinn jemacht hätten, verhungert wär`n wer bei die Anlagen von deinen Döskopp.

Er: Bring mir nich aus den Kontrakt! Nach den Zettel jibt es feststehende Einnahmen und schwankende Einnahmen. Wat sind denn nu schwankende?

Sie: Na, det is, wenn du ne Äppelzille hättst und da verkoofen tätst - - oder weeßte, wie der Fritze von Meiers aus`m vierten Stock, der sich in`n Zirkus mit`s Trapezturnen Jeld verdient. Det is schwankende Einnahme.

Er: Nu kommt det Jrundvermögen! Betrieb der Land- und Forstwirtschaft auf eigenen oder fremden Grundstücken. Na ick wer mir hüten! Wenn ick nu anjebe, daß ick einen Betrieb der Forstwirtschaft uf fremde Jrundstücke habe, indem ich mir in die Schonzeit manchmal aus de Heide een Häseken oder `n paar Hühneken hole - prost Mahlzeit! Denn kriejen se mir ja gleich am Schlaffitken. Also weiter: anderweite Nutzung, z. B. Nießbrauch -

Sie: Na, Schnupptabak hab` ick dir Jott sei Dank abjewöhnt, nu brauchste nich mehr niesen.

Er: Quatschliese! Nießbrauch von Liegenschaften - Liejenschaften - haben wir so wat?  

Sie: Nee, nu nich mehr. Det war vor zwee Jahre, da hatten wer doch unsere Erbtante in`t
Krankenhaus zu liejen. Det war ne nutzbringende Liejenschaft, weil se doch bald druf starb.

Er: Die jute Tante! Ick hab` doch aber jetzt keene Zeit, um ihr zu trauern, det müssen wer bis zum Totensonntag lassen. Sehn wir man weiter, wat ick da noch inschreiben soll. Aus Handel- und Gewerbe. Handeln, det tust du doch bloß, wenn de in die Markthalle jehst. Wat`s de dabei rausschläjst, jeht uf keen Stempelbogen. Jewerbe hab ick Jott sei Dank nich mehr. Dajejen: Aus gewinnbringender Beschäftigung! Da wer` ick woll ran müssen. Siehe Anweisung Artikel 21 bis 23. Ick jloobe, de Steierbehörde hat noch mehr Artikel wie Wertheim. Und die soll man nu alle kennen! Gehalt.

Sie: haste nich im jeringsten jar nich. Und wenn icke nich wär, wärschte überhaupt janz haltlos.

Er: Stille, Mieze! Wartegeld. Siehste, wie du noch de Ufwartestelle jehabt hast -

Sie: Du brauchst mir jar nich dadruf zu stoßen, ick bin eben `ne Selftmadam! Un ick bin stolz for!

Er: Nu kommen de schwankenden Einkimfte: Tantieme...schon widder de Tante! ...Re - -
Re - Remuneration - - Gratulation - nee - Grati - pfui! Die verfluchten ausländischen Redensarten, mit die soll der Kuckuck fertig wer`n. Verdienst aus schriftstellerischer, wissenschaftlicher, künstlerischer Tätigkeit! Jibt et so wat? Wie ich bei`s Stiftungsfest von unsern Männergesangsverein „Lohengrin". Theater spielte und mit meinem hohen Tenor den Fidelio sang, hab ick det deire Kostiem aus der Maskenjarderobe selber berappen müssen, und denn hätten se mir beinah noch ausjefiffen.

Sie: Mit Filzuntersätze von de Bierseideln ha`m se dir beworfen, und det nennste: beinah?

Er: Und bloß, weil ick keene Dame war, indem der Fidelio sonst immer von `ne weibliche
Stimme jespielt wird, wat wir aber in unsern Verein doch nich for anständig hielten, von wejen die Hosenrolle.

Sie: Det is eben! Wat die richtigen Künstler sind, die ham`n ja keene Moral nich! 

Er: Nu laß mir aber mit die Kunst, ick muß mir hier noch mit die blasse Wirklichkeet
beschäftigen.

Sie: Wat hat woll die verschiedene Kulör von det Papier zu bedeiten? Innen rosa un außen jelb.

Er: Det is, weil det Formular uns in `ne rosafarbene Laune versetzen soll, wo bei die knifflige Rechnerei een leicht schwarz vor de Augen werd`n kann. Und jelb is die Farbe der Eifersucht, indem daß die Behörde mit Eifersucht darieber wacht, det die Steueranjabe nich zu mager ausfällt.

Sie: Männe, laß mir man`n bißken von det Papier abschneiden. Mir jefallt die Farbe, ick will mir so`n Kleid machen lassen.

Er: Um Jottes willen, daß de mir det nich anfäßt! Det kriejt doch der Steuermann.

Sie: Wer is`n det?

Er: Hier steht et ja: der Einkommenssteuerveranlagungskommissionsvorsitzende.

Sie: Ach, der Ärmste! Der weeß jewiß nich, wie scheen det frischbackene Brot schmeckt.

Er: Denkste, er hat`s nich dazu?

Sie: Det schon! Aber wenn det Mächen zum Bäcker kommt und bestellt een frisches Brot for
Ihre Einkommenssteuerveranlagungskommissionsvorsitzendenherrschaft, denn wird et doch altbacken, eh` se det so ausgesprochen hat.

Er: Ick täte uff`n langen Titel verzichten, wenn`t sonst nur langt. Aber darum bekümmert sich de Behörde `n Quark. Se nuschtert nach, wat de Leite for`n Einkommen ha`m. Ob eener sein Auskommen hat, danach fragt se nich!

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„Aus dem Dreimillionen-Haufen" von Sigmar Mehring, Berlin 1912
Hans Bondy Verlagsbuchhandlung

gefunden von Hannelore Eckert