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Astrid Koopmann/ Bernhard Meier
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Ist das dort nicht Kästner, Erich Kästner? Ich habe gehört, er war gerade auf großer Reise - Dresden, Leipzig, Berlin, München oder so. Soll ich dich mit ihm bekannt machen? Kästner mal ganz privat! Er hat immer eine Menge spannender Geschichten auf Lager.

Japanische Botschaft

Japanische Botschaft

Dietrich Lincke

Schicksalsgenosse und Wettbewerber

Dem Spaziergänger am Rande des Tiergartens sticht das imposante Bauwerk der Botschaft Japans ins Auge. Es unterstreicht die Bedeutung des 130-Millionen-Volkes in der Welt. Dabei ist die Geschichte seiner diplomatischen Beziehungen relativ jung. Wenige Jahre nach seiner Öffnung zur Außenwelt (1853/54) schloss Japan auch mit Preußen einen Handelsvertrag (1861). Kurz nach der Reichsgründung nahmen Deutschland und Japan diplomatische Beziehungen auf (1873). Nach dem I. Weltkrieg (1919) bezog der Japanische Botschafter eine Villa am Tiergarten als Residenz. Die Kanzlei wurde in der nahegelegenen Ahornstraße untergebracht. Im Dritten Reich musste die Residenz den Umbauplänen Albert Speers für die Reichshauptstadt weichen. Aber Japan erhielt als verbündete Macht dafür ein noch schöneres und größeres Grundstück, ebenfalls an der Tiergartenstraße (Nr.26/27). 1938-42 entstand das neue Botschaftsgebäude, das zusammen mit der benachbarten italienischen Mission zum Schwerpunkt des neuen Tiergartenviertels wurde - ein Bauwerk im klassizistischen Stil, von eindrucksvollen Ausmaßen. Photographische Gesamtaufnahmen des Gebäudekomplexes lassen allerdings nicht die stilistischen Feinheiten erkennen, die den Geschmack und die Sorgfalt der Erbauer bezeugen.

Als postalische Adresse der Botschaft wird nicht die Hauptfront an der Tiergartenstraße angegeben, sondern Hiroshimastraße 6 „um die Ecke", an der sich der Publikumseingang zur Kanzlei befindet. Der Name erinnert an Japans größte politische Katastrophe, den Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 (fast 100 000 Tote und 40 000 Verletzte); am 9. August folgte noch die Atombombe auf Nagasaki (40 000 Tote und 60 000 Verletzte). Diese beiden verhängnisvollen Schläge zwangen Japan am 2. September 1945 zur bedingungslosen Kapitulation.

Die Botschaft in Berlin wurde schon im Mai 1945 nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands geschlossen. Das Gebäude hatte im Krieg Schäden erlitten. Immerhin konnte dort 1959 ein Französisches Generalkonsulat eingerichtet werden. Später entschloss sich Japan, das Bauwerk nach außen originalgetreu wiederherzustellen und darin 1987 ein großangelegtes „Deutsch-Japanisches Zentrum" unterzubringen. Nach der Wiedervereinigung folgte 1998-2001 ein erneuter Umbau, u.a. mit dem Ziel, auch im Innern die ursprüngliche Raumausstattung und -nutzung für Residenz und Kanzlei wiederherzustellen. Japan kann damit dokumentieren, dass es nach dem Krieg wie ein „Phoenix aus der Asche" wiedererstanden ist.

Seit seiner Entstehung im 3. Jahrhundert n. Chr. hatte das Inselreich ohne militärische Besetzungen von außen, wenn auch unter starken kulturellen Einflüssen aus China und Korea existiert, hatte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts abgeriegelt (Spanier und Engländer hinausgedrängt, Portugiesen und Niederländer gerade noch geduldet, Auslandsreisen verboten), bis schließlich 1853/54 eine amerikanische Flotte die Öffnung für Handelsbeziehungen erzwang. Das Beispiel Chinas hatte gezeigt, wie ein Land dadurch in einen quasi-kolonialen Status absinken konnte. So bemühte sich Japan, in kürzester Zeit und mit ungeheurer Kraftanstrengung, den Staaten des Westens in Wissen, Wirtschaft, Politik und Rüstung ebenbürtig zu werden. Dabei sah es anfangs ein Vorbild in Preußen/Deutschland, das in seinen Augen der erfolgreichste Neuankömmling im Kreise der modernen Großmächte war. Ausgangspunkt war der Handelsvertrag mit Preußen von 1861. Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung 1889 mit einer Verfassung nach preußischem Muster. Die Japaner ließen sich gern als die „Preußen des Fernen Ostens" bezeichnen.

Zwei Kriege sollten nun die Stellung Japans in Ostasien festigen: 1894/95 gegen China, 1904/05 gegen Russland. Im Frieden von Shimonoseki (1895) musste China Formosa (Taiwan) an Japan abtreten und die Unabhängigkeit Koreas - die Vorstufe zur späteren Annexion durch Japan, 1910 - anerkennen. Allerdings musste Japan die nordchinesische Halbinsel Liaotung zurückgeben, und zwar auf Druck Russlands, Frankreichs und Deutschlands. Das war die „Ohrfeige von Shimonoseki". In Europa malte man die „gelbe Gefahr" an die Wand. Hauptgegner blieb nun Russland, der nördliche Nachbar, der die Ausbreitung Japans mit Missfallen sah. 1904/05 löste ein japanischer Angriff auf den russischen Fernost-Stützpunkt Port Arthur den Krieg aus, der nicht nur mit einer Niederlage für Russland endete, sondern es darüber hinaus im Innern an den Rand des Abgrunds brachte. Aber auch in dem sonst problemlosen deutsch-japanischen Verhältnis hatte die „Ohrfeige von Shimonoseki" Spuren hinterlassen, weil man sich in Tokio von einem Freund verraten fühlte. So fiel es Japan nicht schwer, sich im I. Weltkrieg den Gegnern Deutschlands anzuschließen und ihm die in China gelegene Halbinsel Kiautschou mit dem Hafen Tsingtau sowie drei Archipele in der Südsee (Karolinen, Marianen und Marshallinseln) abzunehmen. Diese Inselgruppen waren zwar wirtschaftlich kein großer Zugewinn für Japan, aber nützliche Sprungbretter im II. Weltkrieg.

In der positiven Einstellung Deutschlands zu Japan hatten die Gebietsverluste keine nennenswerte Wirkung. Nach dem I. Weltkrieg wurde das Bild noch stärker von der Beschäftigung mit der japanischen Kultur und ihren großen Traditionen geprägt. In Japan schätzte man die deutschen Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet und profitierte von ihnen. Die deutsche Musik wird seit langem in Japan mit besonderer Begeisterung aufgenommen und gepflegt.

Im Dritten Reich führte die gemeinsame Gegnerschaft Deutschlands und Japans 1937 gegenüber der Sowjetunion zum Antikominternpakt, der 1940 in den Drei-Mächte-Pakt (unter Einschluss Italiens) mündete. Zu einer großangelegten militärischen Kooperation zwischen Deutschland und Japan kam es aber nicht. Entscheidend war, dass Japan nicht die Absicht hatte, bei dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion Schützenhilfe zu leisten. Dies gestattete Stalin, seine Truppen auf die europäische Front zu konzentrieren und Ostasien zu vernachlässigen. Richard Sorge, ein deutscher Journalist in Tokio, der zugleich sowjetischer Spion war, informierte Moskau über beides, den bevorstehenden deutschen Angriff und die beabsichtigte Nicht-Teilnahme Japans. Demgegenüber erklärte Hitler nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor (7.12.1941) den USA den Krieg (11.12.).

Die Sowjetunion bedankte sich für die Neutralität Japans, indem sie diesem nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima am 8. August 1945 noch schnell den Krieg erklärte. Sie marschierte in die von den Japanern kontrollierte Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas ein. Ferner besetzte sie Süd-Sachalin und die Inselgruppe der Kurilen, um diese zu annektieren; Japan erkennt diesen Gebietserwerb bis heute nicht an und hat deshalb noch immer keinen Friedensvertrag mit Russland abgeschlossen.

Nach dem II. Weltkrieg verliefen die Geschicke Japans und Deutschlands teilweise parallel. Japan war allerdings eine Teilung erspart geblieben, und die Gebietsverluste des Mutterlandes selbst waren vergleichsweise gering, so dass es anders als bei uns nicht das riesige Problem der Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge gab (12 Millionen). Der Kalte Krieg, der mit der Berliner Blockade (1948/49) voll zum Ausbruch kam und dann im Koreakrieg 1950-53 in einen "heißen", verheerenden Konflikt überging, trug zur Loslösung Deutschlands und Japans aus der Isolierung bei. Ein schneller wirtschaftlicher Aufstieg beider Länder wurde möglich, der sie zu führenden Handelsnationen machte. Heute belegen sie nach China und den USA Platz 3 und 4. Der Anteil Deutschlands am Welthandel beträgt 7,5%, der Japans 4,6%. Beide exportieren ganz überwiegend hochwertige Industrieerzeugnisse und sind auf Importe von Rohstoffen angewiesen. Das setzt dem Umfang des bilateralen Warenaustauschs Grenzen. 2011 betrugen die Ein- und Ausfuhren in beiden Richtungen jeweils etwa 18 Mrd. €. Das waren ca. 2% des deutschen Außenhandels. Der Kulturaustausch ist aber wesentlich eindrucksvoller - besonders angesichts der noch immer äußerst hohen Sprachbarriere, die mit der unterschiedlichen Schrift beginnt. Immerhin gibt es 60 regionale japanisch-deutsche Gesellschaften in Japan und 50 deutsch-japanische bei uns, zahlreiche Städtepartnerschaften, gut ausgebaute Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Kulturinstitute auf beiden Seiten. In Deutschland unterstützen vier Japanische Generalkonsulate die Botschaft: Düsseldorf, Frankfurt a.M., Hamburg, München. Deutschland unterhält demgegenüber lediglich ein Generalkonsulat in Osaka-Kobe.

Insgesamt können sich die beiden Botschaften auf ein breitgefächertes Netzwerk von bilateralen Einrichtungen stützen. So laufen an der stattlichen Botschaft gegenüber dem Tiergarten sehr viele Fäden zusammen.

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Fotos: Dietrich Lincke

Japanische Botschaft

Hiroshimastraße 6
10785 Berlin

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