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Florian Russi

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Weihnachtsabend 1852

Weihnachtsabend 1852

Theodor Storm

Allein in einer fremden Stadt

Das Weihnachtsfest mit seinen schönen Bräuchen im Kreise der versammelten Verwandten nahm einen festen Platz im Leben Theodor Storms ein. Mit der gesellschaftlichen Etablierung des Bürgertums entwickelte sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmend dessen zentrale Bedeutung als Familienfest. Die zauberhaften Erinnerungen an die Feiertage, die Storm aus seiner Kindheit bewahrt hatte, wollte er für den eigenen Nachwuchs stets wach halten. Das bevorzugte Genre des Husumer Schriftstellers war die Erlebnislyrik, so auch das unten abgedruckte Gedicht. Ganz entgegen andächtiger Stimmung, die man aufgrund des Titels erwartet, erzählt es von einer Begegnung, die das lyrische Ich nachdenklich werden lässt. Storm befand sich zur Entstehungszeit des Gedichts gerade in Berlin, fern seiner Familie hat er die Christnacht allein verbracht.
Deutlich hebt sich im Verlauf des Textes der Zwiespalt zwischen spontanem Mitleid und Berührungsängsten heraus. Unmittelbares Handeln im Angesicht der Not misslingt. So bleibt das lyrische Ich in einem Gewissensdilemma zurück.
 
Ulrike Unger 

Weihnachtsabend 1852

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war´s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!" Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor; und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!" den Ruf ohn Unterlaß;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? - War´s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfaßte mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein,
Und schrie´ nach Brot, indessen ich entfloh.

Quellen:

Textquelle: Theodor Storm. Sämtliche Werke. Hrsg. von Bodo von Petersdorf. Essen: Phaidon o.J. S. 78.

Hintergrundinformationen: http://www.g.eversberg.eu/MWStorm/Seite10.htm

Titelbild: Kinder in Erwartung des Weihnachtsbaumes im Jahr 1840 (Weihnachtsabend), gemeinfrei