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Strandgut
Ein Inseltagebuch

Berndt Seite

Die Ostsee ist ein Sehnsuchtsort, an dem man seine Gedanken mit dem Meer schweifen lassen kann. Beim Anblick der Wellenbewegungen kommen Erinnerinerungen an das Auf und Ab des Lebens auf. In eindrucks- und stimmungsvollen Bildern beschreibt Berndt Seite in seinem Tagebuch philosophische Reflexionen in Rückblick auf sein privates und poltisches Leben. Das raue und derbe Klima der Ostsee, die verschiedenen Jahreszeiten am Meer haben dabei ihren ganz eigenen Charme und helfen ihm, alte Dinge abzustreifen und wieder zu sich selbst zu finden.

Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken

Der Branntweinsäufer und die Berliner Glocken

Heinrich von Kleist

Ein Soldat vom ehemaligen Regiment Lichnowsky, ein heilloser und unverbesserlicher´Säufer, versprach nach unendlichen Schlägen, die er deshalb bekam, dass er seine Aufführung bessern und sich des Brannteweines enthalten wolle. Er hielt auch in der Tat Wort während drei Tage; ward aber am vierten wieder besoffen in einem Rennstein gefunden und von einem Unteroffizier in Arrest gebracht. Im Verhör fragt man ihn, warum er,
seines Vorsatzes uneingedenk, sich von neuem dem Laster des Trunks ergeben habe?

„Herr Hauptmann!" antwortete er; „es ist nicht meine Schuld. Ich ging in Geschäften eines Kaufmanns mit einer Kiste Färbholz über den Lustgarten; da läuteten vom Dom herab die Glocken, Pomeranzen! Pomeranzen! Pomeranzen!" „Läut. Teufel, läut", sprach ich, und gedachte meines Vorsatzes und trank nichts. In der Königstraße, wo ich die Kiste abgeben sollte, steh ich einen Augenblick, um mich auszuruhen, vor dem Rathaus still; da bimmelt es vom Turm herab: „Kümmel! Kümmel! Kümmel! - Kümmel! Kümmel! Kümmel!" Ich sage zum Turm:"Bimmel du, dass die Wolken reißen" - und gedenke, mein Seel, gedenke meines Vorsatzes, ob ich gleich durstig war, und trinke nichts. Drauf führte mich der Teufel auf dem Rückweg über den Spittelmarkt; und da ich eben vor einer Kneipe, wo mehr als dreißig Gäste beisammen waren, stehe, geht es vom Spittelturm herab: „Anisette! Anisette!

Anisette!" „Was kostet das Glas?" frag ich. Und der Wirt spricht:"Sechs Pfennige."  „Geb` Er her", sag ich - und was weiter aus mir geworden ist, das weiß ich nicht."

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Quelle: „Der Urberliner" von Hans Ostwald, Paul Franke Verlag, Berlin 1928