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Horst Nalewski

Goethe hat ihn bewundert

Goethes Begegnungen mit Felix Mendelssohn Bartholdy

Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt anhand fünf ausgewählter Beispiele von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler. Hörbeispiele sind über QR-Codes abrufbar.

Martin Pätzold - Der Mensch zuerst

Martin Pätzold - Der Mensch zuerst

Antje Genth-Wagner

Martin Pätzold (* 6. September 1984 in Moskau), deutscher Politiker (CDU), von 2013 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages, seit 2021 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und seit 2011 Kreisvorsitzender des CDU-Kreisverbandes Lichtenberg in Berlin – das sagt Wikipedia über ihn.

Nun stehe ich vor seiner Tür, verabredet zu einem Interview – und bin neugierig.

Nicht auf den Politiker.
Sondern auf den Menschen.

Begegnung

Der Mann, der mir öffnet, begrüßt mich mit einem offenen, fast jungenhaften Lächeln. Ein Lächeln, das nicht einstudiert wirkt, sondern neugierig – als wolle jemand wirklich wissen, wer sein Gegenüber ist.

Und genau das macht ihn aus.

Denn wenn Martin Pätzold über seinen Alltag spricht, wird schnell klar, was für ihn wirklich im Mittelpunkt steht: die Begegnung mit Menschen.

„Der Mensch zählt zuerst“, sagt er.

Dieser Satz fällt nicht beiläufig. Er ist eher so etwas wie ein Leitmotiv. In seiner politischen Arbeit gehe es ihm darum, Menschen zuzuhören, ihre Lebenswege zu verstehen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Zuhören, erklären, voneinander lernen. Das Verbindende suchen – nicht das Trennende.

Dieser Blick auf Menschen hat auch mit seiner eigenen Geschichte zu tun.

Prägung

Pätzold ist zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen. Sein Vater, deutscher Auslandsjournalist in Moskau, seine Mutter Armenierin – und mit ihr eine große armenische Familie, die in den Sommern seiner Kindheit für viele Wochen sein Zuhause war.

Großfamilien funktionieren anders, erzählt er. Man lernt früh zuzuhören, verschiedene Perspektiven auszuhalten und Unterschiede nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Teil des Miteinanders. Vielleicht erklärt genau das auch seine Haltung im politischen Alltag.

Respektlosigkeit im Umgang miteinander ist etwas, das ihn bis heute irritiert. Wenn Menschen abgewertet werden, weil sie nicht in die Norm passen, anders auf die Welt blicken oder aus einem anderen Umfeld kommen, empfindet er das als unangenehm – und unnötig. Gerade politische Debatten, sagt er, müssten von Respekt geprägt sein, selbst wenn man unterschiedliche Positionen vertritt.

Hohenschönhausen

Seine Heimat ist Berlin-Hohenschönhausen. Hier ist er aufgewachsen, hier ging er zur Schule, hier ist er heute politisch aktiv. Der Stadtteil hat ihn geprägt – nicht zuletzt durch die Erfahrungen der Nachwendezeit.

Viele Familien mussten damals massive Umbrüche erleben. Auch seine Eltern waren zeitweise von Arbeitslosigkeit betroffen. Diese Jahre haben ihm früh gezeigt, wie unsicher Lebenswege sind.

Vielleicht fällt deshalb immer wieder ein Wort, wenn er über seine Jugend spricht: Anstrengung.

Hohenschönhausen habe ihn gelehrt, sagt er, dass man sich einsetzen muss. Wer sich anstrengt und für etwas arbeitet, könne etwas erreichen – auch wenn der Weg nicht immer geradlinig verläuft.

Auch seine eigene Laufbahn kennt solche Momente.

Wendepunkt

Vier Jahre lang war Martin Pätzold Mitglied des Deutschen Bundestages. 2017 wurde er nicht wiedergewählt – eine Erfahrung, die viele als Scheitern beschreiben würden. Pätzold selbst tut sich mit diesem Begriff schwer.

„Das Leben hat Wendepunkte“, sagt er. „Und manchmal öffnen sich dadurch andere Türen.“

In seinem Fall bedeutete dieser Wendepunkt auch etwas sehr Persönliches. Kurz nach der Wahl erkrankte seine Mutter schwer. Dass er damals nicht mehr im Bundestag war, gab ihm etwas, das im politischen Alltag selten ist: Zeit.

Geschenkte Zeit. Zeit, die letzten Monate mit ihr zu verbringen.

Wirklichkeit

Solche Erfahrungen prägen den Blick auf Politik. Für ihn gehören Demut und Dankbarkeit dazu – das Wissen, dass politische Mandate eine Chance sind, etwas zu bewegen, aber auch eine Kehrseite haben.

Wer zu lange in dieser Rolle bleibt, kann den Blick für die Lebenswirklichkeit verlieren. Wenn man nicht mehr weiß, was die Butter kostet, nicht mehr selbst einkaufen geht oder steigende Preise nur noch aus Berichten kennt, entfernt man sich Stück für Stück vom Alltag der Menschen.

Vielleicht erklärt das auch, warum er sich selbst mit drei Eigenschaften beschreibt, die viel mit Haltung zu tun haben.

Antrieb

Respekt, Verbindlichkeit und Verantwortung – so beschreibt er die Eigenschaften, die ihn ausmachen. Verbindlich, weil Zusagen eingehalten werden sollten. Verantwortungsbewusst, weil politische Entscheidungen immer Auswirkungen auf das Leben anderer Menschen haben. Und strebsam, weil Politik für ihn bedeutet, Dinge verbessern zu wollen.

Ein weiteres Feld, das ihm wichtig ist, ist die Bildung. Neben seiner politischen Arbeit ist Martin Pätzold weiterhin in der Hochschullehre tätig. Zwar weniger intensiv als früher, doch der Kontakt zu Studierenden ist ihm wichtig. Der Austausch mit jungen Menschen sei bereichernd, sagt er – ihre Perspektiven, ihre Fähigkeiten, ihre Selbstverständlichkeit im Umgang mit neuen Technologien.

Gleichzeitig beobachtet er eine Herausforderung unserer Zeit: Soziale Medien und kurze Aufmerksamkeitsspannen machen es schwieriger, sich länger mit komplexen Themen auseinanderzusetzen.

Und doch hat er ein grundsätzlich positives Bild der jungen Generation. Viele bringen Fähigkeiten mit, die seine Generation in diesem Alter noch nicht hatte.

Wenn man ihn fragt, was ihn antreibt, fällt seine Antwort erstaunlich schlicht aus: Verantwortung. Der Wunsch, mit politischer Arbeit dazu beizutragen, dass es Menschen besser geht.

Seine politische Überzeugung ist dabei klar: soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung gehören zusammen. Nur wenn sich eine Gesellschaft wirtschaftlich gut entwickelt, kann sie auch soziale Sicherheit schaffen.

Mensch

Im Privaten allerdings gibt es noch eine andere Leidenschaft: Fußball. Als Berliner war er früher oft in der Ostkurve bei Hertha BSC zu finden – mit Dauerkarte natürlich. Und wenn er über Fußball spricht, merkt man, wie seine Augen leuchten – fast wie in dem Moment, als er mir die Tür öffnete.

Vielleicht liegt darin ein kleines Geheimnis seiner Persönlichkeit: Politik mit Ernst zu betreiben – und trotzdem neugierig auf Menschen und das Leben zu bleiben.

Am Ende unseres Gesprächs stelle ich ihm eine letzte Frage: Was würde er Menschen mit auf den Weg geben – nicht als Politiker, sondern von Mensch zu Mensch?

Er denkt kurz nach.

Dann sagt er einen Satz, der fast wie eine kleine Lebensregel klingt:

Man sollte neugierig bleiben. Und immer wieder darüber nachdenken, ob der andere am Ende recht haben könnte.

 

Vielleicht ist genau das die Essenz unseres Gesprächs:

Neugierig bleiben. Zuhören. Und das Verbindende suchen.

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