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Mitgelaufen

Christoph Werner

Das Buch „Mitgelaufen“ ist nicht wie andere Bücher über das Leben in der DDR. Hier liegt nicht der Fokus auf Mangelwirtschaft, einer allmächtigen Partei und der Staatssicherheit. Der Autor ist auch kein Opfer des Regimes, dem schreckliches widerfahren ist. Er gehört zu der großen Masse derjenigen, die sich als Rädchen im Mechanismus der DDR-Diktatur gedreht haben. Christoph Werner bricht mit seinem Buch das Schweigen der Mitläufer. Er stellt sich seiner eigenen Vergangenheit und dem Wissen, dass er selbst durch seine Zurückhaltung oder auch lautstarke Zustimmung das alte System lange am Leben erhalten hat. Jahrzehnte nach dem Mauerfall eröffnet er damit vor allem der heranwachsenden Generation, welche die DDR nur noch vom Hörensagen kennt, einen ganz neuen Blickwinkel auf ihre Geschichte.

Ohne Anklage und ohne den Versuch der Rechtfertigung wagt er eine kritische Betrachtung aus dem eigenen Erleben und gewährt Einblicke in eine vergangene Zeit.
Möge der Leser nicht mit dem Zeigefinger auf ihn zeigen, sondern sich fragen, wie oft er heute selbst dem Mainstream folgt oder mutig zu sich selbst und seiner Meinung steht.

Die beiden Seiltänzer auf dem Gendarmenmarkte

Die beiden Seiltänzer auf dem Gendarmenmarkte

Otto Monke

Zur Zeit Friedrichs des Großen lebte in Berlin ein Seiltänzer, der die Leute durch seine Künste oft ergötzte. Da kam eines Tages ein Franzose angereist, der jenem den Ruhm streitig machen wollte und öffentlich ausrufen ließ, er verstehe seine Sache besser als der andere. Das hörte auch der alte Fritz, und da gerade die Türme der beiden Kirchen auf dem Gendarmenmarkte fertig geworden waren, ließ er von der Spitze des einen bis zu der des anderen ein Seil spannen, und nun sollten die Künstler zeigen, wer der geschicktere sei.

Beide stiegen gleichzeitig auf das Seil, der Franzose an dem einen Ende, der Berliner am anderen. Dann schritten sie aufeinander zu. Als sie aber in der Mitte zusammentrafen, wußte anfangs keiner, wie er am anderen vorbeikommen sollte. Endlich sagte der Berliner: „Duck Dich, Franzos!" schwang sich hurtig über den Gegner fort und erreichte glücklich den anderen Turm. War nun das Seil zu sehr ins Schwanken geraten oder hatte der Franzose bei dem Jubel des Volkes die Geistesgegenwart verloren - genug, er verlor das Gleichgewicht, stürzte ab und brach den Hals. Seitdem nennen die Leute die Kirche, bei welcher der Franzose seinen Marsch begonnen hatte, den „französischen" und die andere den „deutschen Dom". Und das war ganz richtig; denn im französischen Dom war schon vordem für die in Berlin lebenden Franzosen Gottesdienst abgehalten worden.

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Quelle: Berliner Sagen und Erinnerungen, gesammelt von Otto Monke
            Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 1926

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