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Reisen vor der Wende - ein Jourmalist unterwegs
Reisen vor der Wende
Als der Norden noch Westen war

Als der Norden noch Westen war

Manfred Meier

Von Bonzenschaukeln und amputierten Bahnstrecken in Berlin

Noch bevor sie in Berlin die Mauer gebaut hatten - die Machthaber der DDR, weil sie sich wegen des Schrumpfens ihrer Bevölkerung sorgten - da war die ideologische Spaltung längst vollzogen. Wer den „Westen" betrat, galt a priori als politisch unzuverlässig.
Anfangs gab es freilich mancherlei Probleme für die scharfen Augen der Wächter: Da fuhren Straßenbahnen einige Stationen durch die Westsektoren, landeten dann wieder im Osten. Untergrundbahnen starteten im Süden, in Feindesland sozusagen, querten dann den Osten und fuhren in den Norden, der wiederum der Westen war. Nur alte Berliner werden solchen scheinbar konfusen Sachverhalt verstehen. Und dann gab es schließlich die S-Bahn, die vom Zentrum aus bis in die Vororte fuhr und dabei ungeniert Stadtviertel durchquerte, die ein gehorsamer Bewohner des „Demokratischen Sektors" nicht betreten, ja besser gar nicht kennen sollte. Später druckten sie sogar Stadtpläne, auf denen die verbotenen Gebiete nicht mehr eingezeichnet waren. Jenseits der Sektorengrenze erschien da eine helle Fläche, ohne Straßen und Namen, wie auf ganz alten Landkarten: Terra incognita, unerforschtes Gebiet.

Aber wie sollte ein treuer Knappe der Diktatoren beispielsweise aus dem allein selig machenden Ostberlin nach Potsdam gelangen, ohne sich des Verdachts oder gar der Versuchung des Landesverrats auszusetzen? Für den Fall hatten sie in der DDR ein besonderes Transportmittel erfunden: den „Durchläufer". Einmal pro Stunde fuhr ein Zug nach Potsdam ohne Halt bis zur ersten Grenzstation hinter dem verbotenen Territorium, das war der Bahnhof Griebnitzsee. Natürlich musste der normal gepolte S-Bahn-Fahrgast informiert werden. Während also sonst am Bahnhof Friedrichstraße die Lautsprecher mahnten „Letzter Bahnhof im demokratischen Sektor", verkündeten sie nun: „Dieser Zug hält nicht in den Westsektoren".

Dieser sonderbare Zug, der an zahllosen Bahnhöfen vorbeirollte, ohne deshalb schneller zu sein, denn er musste ja in den normalen Fahrplan eingepasst werden, wurde natürlich von den meisten Reisenden gemieden und hieß bei den Berlinern nur „Bonzenschaukel". Die 5- Bahn gehörte der Deutschen Reichsbahn, und die gehörte der DDR. Also konnte der brave Genosse ohne Furcht nach Potsdam reisen, denn auf dem Holzbänkchen seines Waggons befand er sich allzeit auf dem Territorium der DDR. Ein Abweichen von der Parteilinie war durch den Transport nicht zu befürchten.
Die anderen Züge der Linie, die alle zwei bis drei Minuten hielten und dazu verleiteten, wie Rotkäppchen vom rechten Wege abzukommen, wurden dafür um so schärfer kontrolliert. In Griebnitzsee sah der Fahrplan einen längeren Aufenthalt vor, damit Grenzsoldaten und Zöllner jeden Reisenden genau überprüfen konnten.

Einmal, wir reisten in lustiger Runde, griff ich in die Tasche nach dem Personalausweis und hatte unversehens drei Dokumente in der damals üblichen Taschenkalendergröße in der Hand. Die anderen waren irgendwelche Mitgliedsausweise, allesamt in den gleichen blaugrauen Karton geheftet. Und da ritt mich der Teufel oder ein Schalk, ich blickte wie irritiert auf die Pappen und murmelte: Wie nenne ich mich denn heute? Dann überreichte ich den Personalausweis mit meinem Allerweltsnamen und versetzte den Kontrollierenden sogleich in höhere Alarmbereitschaft. Er baute sich breitbeinig vor mir auf und verlangte augenblicklich die anderen Heftchen zu sehen. Eines war das Mitgliedsbuch im Journalistenverband, das trug ich stets bei mir, denn im Presseclub in der Friedrichstraße konnte man gegen Vorlage des Büchleins gut und preisgünstig essen, was in den Jahren des Mangels von mir zuweilen gern genutzt wurde. Im Kopf des Kontrolleurs rotierten die Gedanken. Er sah die grinsende Gruppe, offenbar allesamt aufmüpfige und unbotmäßige Gesellen, vielleicht ebenfalls Journalisten, und so beschloss er, den Frevel nicht zu ahnden und sagte nur: Danke! Meine Begleiter behaupteten, er habe sogar die Hand an den Mützenrand gehoben, als grüße er einen Vorgesetzten. Aber soviel Verwirrung konnte ich doch nicht angerichtet haben?

Nach und nach wurden einige Verkehrsadern in Berlin amputiert, Straßenbahnen umgeleitet, eine Umgehungsstrecke nach Potsdam gebaut. Nur eine U-Bahn-Strecke blieb lange noch intakt. Sie führte vom Kurfürstendamm - wie auch heute wieder - als Hoch- bahn zur Warschauer Brücke, und diese letzte Station war die einzige im Osten gelegene. Also eine reine Weststrecke, die nur mit der Nasenspitze über die Grenze reichte. Auf diesem Bahnhof tummelten sich Grenzer und Zöllner besonders zahlreich, denn hier war ja nun wirklich jeder Ankommende verdächtig. Darauf war ich seit langem eingestellt. Eine Tafel Schokolade brach ich vorher an, dann konnte sie nicht mehr konfisziert werden. Und des Devisenschmuggels war ich auch nicht verdächtig, denn die Schokolade war natürlich stets ein Geschenk von lieben Freunden oder Verwandten.

Aber einmal geriet ich doch den Häschern ins Netz. Ich hatte eine Abendvorstellung im Kino besucht, hatte nichts eingekauft und landete guten Gewissens im Osten an. Man beorderte mich ins Kontrollhäuschen, und siehe, da schien eine böse Grenzverletzung offenbar. In meiner Aktentasche befand sich eine Zeitung, die das Datum vom nächsten Tag trug. Woher ich die denn hätte? Das sei ein Andruckexemplar, das ich eingesteckt hatte, als ich am Abend die Redaktion verließ, in der ich arbeitete. „Dürfen Sie denn dort arbeiten?" fragte der konsternierte Zöllner. Nun ging mir ein Licht auf. Er kannte die in Ostberlin gedruckte und in der DDR verbreitete Zeitung nicht, es war eben nicht das Parteiblättchen, das er vermutlich pflichtschuldig las. Nun nahm ich die Haltung eines nachsichtigen guten Onkels an, erklärte ihm das Druckerzeugnis als ordentlich lizenziertes DDR-Produkt und schenkte ihm das Exemplar, damit er es läse und künftig nicht mehr mit irgendeinem Groschenblättchen verwechseln könne. Es kostete schließlich auch zwanzig Pfennig.

Und dann räumte ich den ganzen Kram aus meiner Aktentasche wieder ein, den ich befehlsgemäß auf dem Tisch hatte ausbreiten müssen.

Als sie die Mauer bauten, gehörte es zu einer der frühen Maßnahmen, den Gleiskörper und die Stahlträger dieser Hochbahnbrücke zu entfernen. Wie ein anklagendes Monument ragten fortan die Pfeiler in den Himmel. Kurz nach der Vereinigung wurden neue Stahlträger eingepasst und der Bahnhof wieder eröffnet. Wenn ich heute mit der Hochbahn hier zwischen den Zinnen und Türmchen der Oberbaumbrücke über die einstige Grenze rolle oder mit dem Auto unter der Bahnstrecke hindurch fahre, erfüllt mich stets so etwas wie Genugtuung. Am Ende triumphiert doch nicht immer die Dummheit. Und Widersinniges hat nicht ewigen Bestand.