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Einkaufsbummel  – auch für Männer

Einkaufsbummel – auch für Männer

Dietrich Lincke

Auf den ersten Blick scheint Berlin kein Hort der Eleganz zu sein. Im Straßenbild sieht man zu allen Jahreszeiten Unmengen von Jeans, oft mit echten oder künstlichen Löchern versetzt, dazu T- Shirts, die genug Raum freilassen, um die wieder in Mode gekommenen Tätowierungen zur Geltung zu bringen. Lässigkeit ist angesagt.

Aber Berlin hat auch seinen Ruf als Modemetropole zurückerlangt. Haute Couture ist wieder ein wichtiger Wirtschaftszweig. Neben den bekannten Warenhäusern gibt es unzählige Boutiquen.

Kaum eine Berlinbesucherin, die nicht die Gelegenheit für ausgiebige Einkaufstouren oder zumindest für intensives „window-shopping" nutzt, um sich Anregungen zu holen. Dabei kann der Kauf eines einzigen Paares eleganter Schuhe lange vorangehende Studien, Vergleiche und Anproben erfordern. Viele Touristinnen freuen sich dabei über geduldige männliche Begleitung, andere aber auch nicht, weil sie es vermeiden wollen, die Grenzen der Langmut voll auszuschöpfen. Warum sollten jedoch in der Zwischenzeit nicht auch Männer auf die Suche gehen und sich zumindest einmal grundsolide Budapester Schuhe in den Auslagen der einschlägigen Läden ansehen? Für den kundigen Berlin-Besucher ist es wie für die Besucherin nicht schwer, interessante Einkaufsquellen zu finden, sei es am Kurfürstendamm, am Tauentzien, sei es an der Friedrichstraße. Diese beiden traditionellen Konsum-Hochburgen haben ihren Rang behalten oder wiedererlangt, und die zahlreichen Fachgeschäfte dehnen sich immer mehr in die Seitenstraßen aus. Meist herrscht dort, zumindest im Sommer, ein eher südländisches Flair mit den vielen kleinen Straßencafés, die durchaus originelle Speisekarten bieten können, aber auch bescheidenere Geldbeutel nicht überfordern.

Die Kleidersitten sind jedoch im Sommer viel offenherziger und „ungezwungener" als in südlichen Großstädten. Man könnte glauben, der Strand wäre gleich um die Ecke. Dazwischen trifft man aber auch wieder auf Einsprengsel von Eleganz. Ein Symbol dafür ist der Panamahut, der eigentlich in Ecuador geflochten wird und, da von Hand gefertigt, in Europa leicht die 100-Euro-Preismarke überschreitet. Er kehrt wieder öfter ins Straßenbild zurück, seitdem die Sommer in unseren Breiten kontinuierlich wärmer werden. Und manch einer möchte am Kurfürstendamm lieber mit einem schicken Hut als mit einem spärlichen Strandanzug brillieren. Die Herrenmode ist ja langlebig und - was gut ist, kommt wieder. Warum nicht auch der klassische Panamahut? Schließlich ist er haltbar und strapazierfähig. Er muß nur gelegentlich aufgedämpft, zuweilen etwas aufgearbeitet werden. Berlin hat den - für manche vielleicht überraschenden - Vorteil, daß man auch für ausgefallene oder etwas aus der Mode gekommene Arbeiten Handwerker und andere Fachleute findet. Als Beispiel sei die elegante Modistin in einer Parallelstraße des Kurfürstendamms, der Mommsenstraße 69, genannt. Susanne Gäbel fertigt schicke Hutkreationen für die Damenwelt. Da sich das Geschäft in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet hat, eröffnete sie schräg gegenüber - in der Mommsenstraße 2 - ein weiteres Geschäft für die Kopfbekleidungen der Herren, in dem von individuell gestalteten „Schiebermützen", vornehmer ausgedrückt Golfmützen, bis zum Panamahut eine große Variationsbreite zu finden ist. Das Sympathische ist, daß hier auch verbeulte, aber eigentlich unverwüstliche Hüte wieder auf Vordermann gebracht werden. Geschäfte, die sich dafür nicht zu schade sind und dann auch keine Mondpreise nehmen, findet man selten, auch in Berlin, woanders oft gar nicht. Allerdings sollte man vor einer Reise in die deutsche Hauptstadt einige Recherchen im Internet betreiben, damit man diese Chancen neben dem ohnehin obligaten Einkaufsbummel nutzen kann. Hat man dann alles erledigt, findet sich schnell ein geeignetes Lokal, um das Geschäft zu begießen.

Beispiel Mommsenstraße: Läuft man von dem besagten Hutgeschäft ein paar Schritte weiter, trifft man auf eine andere Seltenheit, auf das ostpreußische Restaurant „Marjellchen", Hausnummer 9. Das altdeutsch eingerichtete Lokal bietet in der Tat stilechte deftige ostpreußische Küche wie in der „kalten Heimat", zugebenermaßen im Winter noch besser zu genießen als an heißen Berliner Sommertagen. Aber einen Einkauf in der Kurfürstendammgegend kann man hier auf jeden Fall mit einem „Pillkallener" (Schnaps mit Leberwurst und Mostrich) oder einer Machandel (Wachholder, traditionsgemäß mit Backpflaume) begießen. Die langjährige Wirtin ist zwar von Hause aus Römerin, hat aber ihre Kochkünste von ihrer ostpreußischen Großmutter erworben und führt sie stilecht fort. Römer haben eben Sinn für Traditionspflege. Dafür bemühen sich die Berliner Wirte, in ihren Straßencafés ein römisch anmutendes Ambiente zu schaffen. Man weiß, was man aneinander hat. Jedenfalls nimmt die Zahl der italienischen Touristen deutlich zu, und sie fliegen mit großen „KaDeWe"-Tüten zurück. Der Einkaufsbummel ist eben ein obligater Bestandteil einer Berlinreise.

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Fotos:  Dietrich Lincke und Wikipedia

Einkaufsbummel – auch für Männer


10629 Berlin

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