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Jürgen Klose
Kennst du Friedrich Schiller?

Ein kreativer Querkopf mit allerlei Flausen scheint Schiller wohl gewesen zu sein, wenn man ihn mal ganz ohne Pathos betrachtet.

Die Ceciliengärten in Berlin-Schöneberg

Die Ceciliengärten in Berlin-Schöneberg

Jean Gies

Eine architektonische Sehenswürdigkeit und grüne Stadtoase

Unweit des S-Bahnhofs Friedenau, zwischen der Semperstraße im Süden und der Traegerstraße im Norden, ist eine architektonische Sehenswürdigkeit und grüne Stadtoase zu entdecken: Die Ceciliengärten, eine gut erhaltene Wohnsiedlung aus den 20er Jahren, ein begehbares Exempel des Art Déco. Die Siedlung entstand in den Jahren 1922-1927 als Wohnanlage für städtische Mitarbeiter und wurde nach Kronprinzessin Cecilie von Preußen (1886-1954) benannt. Verantwortlicher Planer für die Ausführung war der Architekt und Schöneberger Stadtbaurat Heinrich Lassen (1864-1953).

Die gesamte Anlage wurde 1986 restauriert und 1995 in die Berliner Denkmalliste aufgenommen, die Grünanlagen wurden als Gartendenkmal ausgewiesen.

Lassens formale Auffassung war noch recht traditionell verhaftet, mit Anklängen an den Jugendstil und wenig beeinflusst vom aufkommenden Stil des Neuen Bauens, wie ihn z.B. Walter Gropius und Bruno Taut vertraten. Sein funktionales Konzept für die Ceciliengärten dagegen war modern und getragen vom Reformgedanken der Gestaltung menschlicher Umwelt nach ganzheitlichen Prinzipien, dem Bestreben nach Licht, Luft, Raum, Hygiene, Ruhe und Erholung. Eine neue Lebensqualität sollte erreicht werden durch lichte, großzügige Gestaltung der Wohn- und Gartenanlagen. Die Wohnungen, die jeweils über Balkon oder Loggia verfügen, wurden ost-westwärts ausgerichtet, um ausreichend Sonneneinfall und Querlüftung zu gewährleisten. Wohnungen ausschließlich mit Nordlicht wurden vermieden, ebenso Hinterhäuser, enge Hinterhöfe und die typischen dunklen "Berliner Zimmer". Familiengerechte Wohnungszuschnitte, Gemeinschaftsräume, -höfe und -gärten, Spielplätze für die Jugend sollten den Familienalltag erleichtern, Austausch und Gemeinsinn fördern und Erholung ermöglichen.

Hervorstechendes Charakteristikum der Siedlung und eine architektonische Landmarke ist der Atelierturm in der Semperstraße mit seinem Torbogen und achteckigen, grün patinierten Dach. In der dort befindlichen, sich über zwei Obergeschosse ohne Zwischendecke erstreckenden Atelierwohnung lebte und arbeitete in den Jahren 1929-1933 der Berliner Maler und Schriftsteller Hans Baluschek (1870-1935). Eine Allee mit Japanischen Kirschbäumen führt vom Torbogen zur zentralen Grünanlage, die von einer Häuserzeile zur Sponholzstraße und zwei Wohnblöcken mit Hofgärten zur Rubensstraße hin umschlossen wird.

Der Turm, unterschiedliche Dachhöhen, Vor- und Rücksprünge der Fassaden strukturieren und rhythmisieren die Anlage. Starke Symmetrien werden aufgelockert durch kleine Abweichungen in den Wohnungsgrundrissen, Zugängen, Fassadendetails und der plastischen Ornamentik. Diese ist detailreich und verspielt und bezieht ihre Motive aus der Tierwelt, dem Lebensalltag und dem damals modernen Verkehr.

Innenhof mit Fontäne, Rosencarrée und Skulptur von Georg Kolbe
Innenhof mit Fontäne, Rosencarrée und Skulptur von Georg Kolbe

Auf dem zentralen Platz, umrahmt von einer Rosenhecke, stehen sich zwei Skulpturen des Berliner Bildhauers Georg Kolbe (1877-1947) gegenüber - zwei überlebensgroße weibliche Akte in tänzerischer Haltung, "Der Morgen", der im Sonnenaufgang erwachend sich reckt und entfaltet, und "Der Abend", der ausgefüllt und erschöpft vom Tagwerk die Arme sinken lässt.

Ein großes ovales Wasserbecken mit Fontäne und der Fuchsbrunnen mit einer naturalistischen Fuchs-Bronze von Max Esser sorgen für Abkühlung und die beschauliche Geräuschkulisse steten Rauschens und Plätscherns. In jahreszeitlicher Abfolge blühen in den Straßen, Vorgärten und Anlagen Forsythien, Kirsche, Flieder, Rosskastanien und Rosen.

Der menschenfreundliche Gestaltungsansatz Heinrich Lassens wirkt sich bis heute wohltuend aus. Anwohner und Spaziergänger schätzen die Ruhe und Atmosphäre des Ortes, lassen sich, geschützt vor städtischem Lärm und Betriebsamkeit, im Blütenduft zum Verweilen auf Bänken und Mäuerchen, auf dem besonnten Rasen oder im Schatten der Kastanienbäume nieder. Hunde tollen über die Wiese, Kinder sammeln im Herbst Kastanien aus dem Laub, versorgen sich sommers am Fuchs-Brunnen mit Wasser für die Sandkuchenbäckerei auf dem Spielplatz und planschen im großen, flachen Bassin. Am Sommerabend steht die Fontäne still, der ovale Wasserspiegel ruht und erfrischt die Luft mit feuchter Kühle. Im Winter wird das Bassin für Klein und Groß zu einer Schlittschuhbahn geradezu wie aus einer Bruegelschen Dorfszenerie. Rund ums Jahr sind die Ceciliengärten eine beglückende Ruhe- und Erholungszone inmitten der Stadt.

Atelierturm und FassadeFassade zur RubensstrasseIm WinterFuchsbronze von Max EsserFassadendetailsFassadendetailsFassadendetailsFassadendetailsFuchsbrunnenFuchsbrunnenInnenhof mit RosencarréeGeorg Kolbe Der MorgenGeorg Kolbe der Abend

 

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Fotos: Jeand Gies