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Martinsfest - Wir feiern Martini

Florian Russi

Kleine Broschüre mit Texten und Liedern zum Martinstag

Laterne, Laterne ... Im dunklen Monat November hält das Martinsfest einen Lichtpunkt für uns bereit. Vor allem Kinder freuen sich weit im Voraus auf den Martinstag, um mit ihren leuchtenden Laternen durch den Ort zu ziehen. Die Hintergründe zur Geschichte des festes und den traditionellen Bräuchensind in dieser Broschüre festgehalten. Mit einer Anleitung für eine selbstgebastelte Laterne, drei leckeren Rezepten und vielen Liedern, Gedichten und Reimen ist sie ein idealer Begleiter für jedermann.

Julie Gräbert

Julius Rodenberg

Julie Gräbert (1803-1870) war unter dem Namen „Mutter Gräbert" ein beliebtes Berliner Original. Nach dem Tod ihres Mannes 1855 leitete sie das „Vorstädtische Theater am Weinbergsweg" mit angeschlossenem Restaurantbetrieb. Der bekannte Autor Curt Flatow setzte ihr mit dem Stück „Mutter Gräbert macht Theater" (Uraufführung 2002 im Theater am Kurfürstendamm) ein künstlerisches Denkmal.

Hannelore Eckert 

 

Mutter Gräbert und ihr Mann

Wer weiß jetzt noch von dieser einst so populären Figur und wer noch von ihrem Theater, welches unter dem Namen Germania-Theater eine Weile gegen den Wind und das Wetter weiterkämpfte, bis es heute an diesem Frühlingsnachmittag als vollständiges Wrack vor mir liegt - eine Ruine, von der morgen nichts mehr zu sehen sein wird.

Und ich habe es noch in seiner Glorie gekannt, in jenen besseren Tagen, wo noch nicht mehr als vier oder fünf Theaterzettel an den Anschlagsäulen erschienen und der schönste von allen der der Mutter Gräbert auf dunkelrotem Papier. Gespielt ward in ihrem Theater wöchentlich nur viermal und es musste schon hoch kommen, wenn es ein Stück bei ihr über zwei oder drei Vorstellungen hinaus bringen wollte. Denn die Bewohner von „Wollanks Weinberg" verlangten beständig Novitäten; sie gingen jede Woche viermal ins Theater und viermal jede Woche wollten sie ein neues Stück sehen. Dieses anspruchsvolle Publikum war kein geringes; es waren die reich gewordenen Schenkwirte, Bierbrauer, Schlächtermeister und Professionisten überhaupt, die sich hierauf dieser gesunden und luftigen Höhe zur Ruhe gesetzt hatten, mit behäbigen Frauen und gebildeten Töchtern, die mit Passion ihre „Mühlbach" lasen.

Diese Leute - deren Nachkommen jetzt Gott weiß in welcher feinen Gegend des Westens von Berlin wohnen, Equipagen halten, Diners geben und das Opernhaus besuchen - betrachteten das vorstädtische Theater als ihr Theater, und Mutter Gräbert war die Frau, die ihr Jahrhundert verstand - eine echte Theaterprinzipalin; man wird ihresgleichen nicht wieder sehen! Es hatte einmal auch einen Vater Gräbert gegeben und er hatte sogar das Theater gegründet; aber selbst für uns, die jüngere Generation, war er schon eine mythische Person geworden, und um seinen Namen, wie um den des Gründers von Rom, hatten sich ganze Sagenkreise gebildet. Seine Laufbahn begann in den Weißbierstuben Berlins, wo er komische Lieder sang und possenhafte Gedichte vortrug.

Nach einiger Zeit hatte er sich soviel zusammen gesungen, dass er ein Liebhabertheater vor dem Rosenthaler Tor erst mietweise, dann käuflich erwerben konnte; das Glück begünstigte ihn, das Geschäft blühte, und demnächst errichtete er das größere Theater auf dem Platze, wo das der Liebhaber gestanden. Ein patriarchalisch-ökonomisches Verhältnis herrschte; Mutter Gräbert sorgte für die Küche des Etablissements und Vater Gräbert für das Weißbier und die Bühne. Er machte das Repertoire, leitete die Proben, engagierte die Mitglieder. Er war ein eifriger Widersacher der Tantieme; seine Ausgabe für ein neues Stück betrug in der Regel einen - Silbergroschen. Denn die meisten seiner Novitäten bezog er aus der Leihbibliothek in der Großen Hamburger Strasse. Sollte aber einmal in außergewöhnlichen Fällen ein Originalstück aufgeführt werden, so lohnte Vater Gräbert den Dichter mit zahn Talern Kurant ab, wenn eine Mordtat darin vorkam, und mit fünf Talern, wenn dies nicht der Fall war. Auch das Honorar, welches er seinen Künstlern bewilligte, hielt sich durchaus im Preiskurant der alten Haupt- und Staatsaktionen: einige bekamen nichts, andere acht Taler monatlich; die höchste Gage, die er zahlte, betrug fünfundzwanzig Taler. Durch solch weise Maßregeln entfaltete sich das Kulturinstitut vor dem Rosenthaler Tore zu einem ungeahnten Flor und manch hübsches Talent, das diesen Ursprung später verleugnete, stieg aus seinem Podium empor.

Am besten aber stand sich Vater Gräbert selbst; er kaufte das Grundstück neben seinem Musentempel, machte einen schönen Garten daraus, baute ein Sommertheater hinein und bewirtete in jedem Jahre, zu des Königs Geburtstag, fünfzig Invaliden, die er am Ende des Gastmahls noch mit einem Taler beschenkte. Als nun aber Vater Gräbert, nach so rühmlichem Leben, sein Stündlein nahen fühlte, da ging er nicht etwa in sich, wie wir anderen Sünder insgemein, sondern er fing an Austern zu essen. Da konnte man ihn an jedem Morgen, in der langen Vorderstube seines Etablissements sitzen sehen, Rollen austeilend, den Speisezettel entwerfend, seufzend über die Nichtigkeit des Daseins und - sechs Dutzend Austern vor sich. Es liegen keine genauen Berichte darüber vor, wie lange und wie viel Austern er gegessen hat; aber das Mittel musste Probat, oder, als er es zu gebrauchen anfing, sein Ende noch nicht so nahe gewesen sein.

Denn in der Wehmut seines Herzens baute er aus den Austernschalen Tempel und Altäre zum Schmucke seines Gartens auf; und wenn auch die undankbare Nachwelt so grausam war, die frommen Denkmale dieses Erzvaters zu zerstören, so hatte sich doch wenigstens eine von diesen Muschelgrotten, groß genug für eine büßende Magdalene, oder zwei, mit einem Kreuz auf dem Dach und einem Kreuz auf der Türe erhalten und ich selbst habe sie oft genug bewundert, wenn ich mit den übrigen Besuchers des Theaters, zwischen einem Akt und dem anderen hinauskam in den Garten.

Wie dem nun auch sei - endlich musste Vater Gräbert den Schauplatz so vieler Freuden, Gastmahle und Triumphe verlassen; und einer Bestimmung in seinem Testamente gemäß wurde er in der Mitternacht, unter Sang und Klang, bei Fackelschein begraben.

Das Erbteil dieses ausgezeichneten Mannes fiel seiner Frau zu. Sie hatte sich bis dahin nicht bemerklich gemacht, still und sittsam vielmehr zwischen den Schmortöpfen des Untergeschosses gewaltet. Wie denn aber der Krieg sich seine Feldherren selbst erzieht, und die Not es ist, welche groß und erfinderisch macht: so stieg nun auf einmal das Aschenbrödel von Wollanks Weinberg aus der Tiefe herauf, den Kochlöffel und die Weißbierflasche in der einen, den Zügel des Theaterkarrens in der anderen Hand, und der Ruhm von Mutter Gräbert fing an, denjenigen des Vaters Gräbert zu verdunkeln. Eine rüstige Matrone, mit aufgeschürzten Ärmeln und hochrotem Gesicht, so habe ich sie noch gekannt und gesehen, in der ernsten Ausübung ihrer dreifachen Pflichten begriffen, - in die Küche hinunter kommandierend, die Kellner kontrollierend und nur dann und wann einmal verschwindend, um auf der Bühne Ordnung zu machen...

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Quelle: 100 Jahre Berliner Humor, herausgegeben von Gustav Manz 1923

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