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Gudrun Schulz
Kennst du Bertolt Brecht?

Neugier wecken für einen Autor, der mit frechem neuen Ton die bürgerliche Gesellschaft attackierte und das Theater revolutionierte. Dies gelingt der Literaturwissenschaftlerin Gudrun Schulz in diesem Band. Brecht selbst kommt mit Briefen, Gedichten und Auszügen auas einigen seiner Werke selbst zu Wort. Dem Buch liegt eine CD mit 13 Hörbeispielen bei.

Fazit : Ein Buch für alle, die noch selbst denken können. 

 

Berlin ist ja so groß

Berlin ist ja so groß

Berlin wird immer größer.

Es hat Peripherien,

Die immer weiter weichen

Im Weichbild von Berlin.

Lebt man auch dort jahrein, jahraus,

Man kennt sich niemals ständig aus.

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Denkt man, man kennt Berlin,

Dann ist`s schon wieder größer,

Als wie es früher schien.

 

`ne Frau erwischt die Köchin,

Wie sie ganz ungeniert

Dem alten Herrn des Hauses

`nen langen Kuß spendiert.

Sie sagt zur Köchin: „Aus dem Haus!"

„Na wennschon", ruft die Köchin aus,

„Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

`ne Stelle krieg ich doch.

So`n alten Kerl, wie Sie ihn hab`n, den find ick immer noch."

 

Es sagt ein reicher Landwirt

Zu seinem Freund vom Land:

„Fahr mit mir nach Berlin hin,

Da ist es interessant.

Da toben wir uns beide aus.

Was wir da treiben, kommt nicht raus.

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß-

Da wird uns Freude blühn.

Und komm` wir dann nach Hause,

Dann schimpf`n wir auf  Berlin."

 

Ein Herr steigt mit `ner Dame

Des Nachts ins Auto rein.

Er sagt:" Wir wolln Berlin sehn

Des Nachts beim Mondenschein.

Die Tour ist hoffentlich sehr weit?"

„Ja, sagt der Kutscher sehr erfreut.

„Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Sie hab'n `ne Menge Zeit,

Es langt- bis ick soweit bin,

Da sind Sie ooch soweit."

 

Es kommen Anverwandte

Zu Krauses nach Berlin -

Sie gehen in die Museen -

In alle Galerien.

Sie sag`n zu Krause: „Du hast's fein,

Du sahst schon alles? Der sagt: „Nein.

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Die Wege sind so weit -

Ick wohn erst zwanzig Jahre hier

Und hatt noch keine Zeit."

 

Man baut jetzt ein Theater,

Fünftausend gehen rin.

Man kann nischt hör`n und sehen

In solchem Raume drin.

Doch dem Direktor, dem gelingt`s.

Er denkt bei sich: Die Masse bringt`s.

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Kommt jeder einmal her

Und sieht, dass er nichts sehen kann,

Dann bin ich Millionär.

 

Ich kenn `nen Fabrikanten,

Der Kintoppbilder macht.

Er hat die Asta Nielsen

Schon hundertmal gebracht.

In jedem Topp denselben Kein -

Die schickt er alle nach Berlin.

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

So`n Kintop geht wie toll.

Durch Asta Nilesen werden

Die ganzen Töppe voll.

 

Ein Eh`mann amüsiert sich

Mit einer Maid bei Nacht,

Kommt erst um vier nach Hause -

Da ist sein Weib erwacht.

Sie sagt:" Du kommst ja erst um vier."

Er sagt: Ick hab verloofen mir.

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Ick kam woanders hin.

Wer nicht richtig aufpasst,

Ist gleich woanders drin."

 

Es sitzt ein Urberliner

Im Gartenrestaurant

Und lauscht auf einen Vogel,

Der in den Zweigen sang.

Da fällt von oben as ins Bier.

Der Gast sagt: „Warum bei mir?

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Du bist so`n kleenes Tier -

Und was du machst, des machste

Grad ausgerechnet hier."

 

Es steht vor einer Droschke

Ein alter Droschkengaul.

Da meldet sich ein Fahrgast,

Doch der bleibt müd und faul.

Er denkt: Ick soll von W. nach N. -

Wer weeß, ob ick so lange renn -

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Zum Kutscher sagt das Tier:

„Ach, koof Dir lieber `n Auto,

Und mach `ne Wurst aus mir."

 

Ein Mägdelein poussierte

In jedem Nachtlokal.

Dann kam der Storch -ich traf sie

Mit ihrem Kinde mal.

„Und wer ist der Vater?" frug ich leis.

Da sprach das Mägdelein: „Wer weiß?

Berlin ist ja so groß - so groß - so groß -

Ich nenn den Bengel da

Georg, Max, Bernhard, Heinrich -

Gekürzt: G. M. B. H.

Otto Reutter (1870 - 1931)