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Tee mit der Königin

Kurzgeschichten aus Wales herausgegeben und übersetzt von Frank Meyer und Angharad Price.

Berliner Hökerinnen

Berliner Hökerinnen

Adolf Glassbrenner

Die Priesterinnen der Ceres muss die Natur in einer Anwandlung böser Laune geschaffen haben; die ganze Tendenz dieser Früchte tragenden Wesen ist: Schimpfen, für welches triviale Wort sie aber den beschönigenden Ausdruck „Aufbieten" gewählt haben. Von allen den ärmeren Klassen der Berliner sind sie diejenigen, welche sich am wenigsten gefallen lassen, bei denen die Gemütlichkeit am tiefsten sitzt. Jede Hökerin unserer Residenz ist eine personifizierte Empfindlichkeit; durch den kleinsten Tadel ihrer Ware wird ihr Gemüt aufgeregt, werden ihre sonst so starken Nerven erschüttert; ihr feuriges Blut steigt nach dem Kopfe, und endlich machen sie ihrem Herzen durch das sich ins Unendliche verlierende Aufbieten Luft. Man muss dieses Aufbieten aber gar nicht mit dem, in der Kirche exekutierten, jeder Heirat vorangehenden, verwechseln; denn nach dem Aufbieten der Hökerinnen folgt, sobald sie ihre Galle ausgelassen haben, Friede -, bei den Liebenden fängt aber nach dem Aufbieten oft der Streit erst an. In diesen Schimpfereien sind die Priesterinnen der Ceres Virtuosinnen, und es gehört wahrlich nicht zu den Seltenheiten, dass kerngesunder, shakespearescher Witz über ihre schnell beweglichen Lippen schlüpft und den Uneingeweihten, der, erstaunt über die merkwürdige Kombination ihrer Gedanken, aufmerksam lauscht, vielleicht glauben macht, sie hätten sich auf die öffentlichen Reden vorbereitet. Aber nein! „ Der Augenblick ist ihrer Schimpfe Gott!" und ihr Zorn allein ist der geschickte Souffleur, der ihnen all die herrlichen Sentenzen einflößt, welchen einen so unauslöschlichen Eindruck auf die Zuhörer machen. Die Kleidung dieser Beredsamen ist reinlich. Sie betrachten, wie viele gelehrte, die Welt als eine Redoute und gehen als Bäuerin über den Markt dieses Lebens. Doch liegt hier nicht etwa ein Grundsatz des großen Philosophen Diogenes dahinter: so wenig Bedürfnisse wie möglich zu haben, sondern es geschieht aus einer weniger edlen Absicht: aus pekuniärem Interesse, und dieses ist in der jetzigen Zeit leider eine allgemeine geworden. - Da sie wohl wissen, dass die einkaufenden Bürgerfrauen und deren Mädchen für alles mehr Vertrauen zu Bäuerinnen als Hökerinnen haben, so ahmen sie denen in Kleidern und Manieren nach, handeln wie sie und gehen nur dann wieder in ihr eigenes Ich zurück, wenn sie beleidigt werden oder ihre Ehre durch Antastung der zu verkaufenden Früchte, durch ein zu niedres gebot auf ihre Forderungen und endlich durch die Bemerkung ihres Schlechtmessens angegriffen worden ist. Sie tragen einen weiten Rock mit Falten, ein Abbild des über ihm liegenden Herzens, welches im Laufe der Jugend viele beherbergt hat, die es später auch wie eine Herberge betrachteten und daraus fortzogen, wenn es ihnen beliebte.

 

Über ihrem starken Leib tragen sie als Ironie ein Leibchen, oder, um Deutsch zu sprechen, ein Kamisol, und um den Kopf, wieder um ironisch zu sein, haben sie ein Tuch gebunden, wiewohl sie doch nirgends ungebundener sein können, als gerade dort. Wir kommen nun zu den verschiedenen Klassen der Hökerinnen. Man teilt sie ein in gangbare (solche, die von Haus zu Haus ihre Ware feilbieten) und in sittsame (solche, die an einem bestimmten Orte immer anzutreffen sind). Die letztere Klasser zerfällt aber wieder in zwei Unterabteilungen: in budenbesitzende und in budenlose. Die budenbesitzenden Hökerinnen sind die vornehmsten, die gangbaren die niedrigsten. Die letzteren sind gewöhnlich noch Mädchen, und Mädchen, die oft bei einer Viertelmetze Äpfel 10 bis 15 Silbergroschen verdienen - ein Beweis, dass das Früchtetragen etwas einbringt. Ihre Waren wechseln mit den verschiedenen Jahreszeiten, und alles, was diese hervorbringen, bringen die Mädchen uns ins Haus und den Nutzen in den Tanz-Tabagien durch. Bald sehen wir sie als Schmarotzer, indem sie ihre Bücklinge umhertragen, bald verkaufen sie an einen Leutnant Äpfel und beweisen dabei häufig, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt; bald bieten sie uns Spandauer Zimmetbrezeln an, die in Berlin gebacken sind; bald geben sie uns Pflaumen, bald haben sie Nüsse, bald Birnen, und dann bieten sie uns für einen halben Silbergroschen ein paar Radies. Die sitzsamen Hökerinnen sind, um diesem Epitheton keine Schande zu machen, gewöhnlich schon verheiratet. Und merkwürdig! Was sich in diesen höheren Kreisen der Menschheit nur hier und dort zeigt, ist bei ihnen Conditio sine qua non. Jeder Mann einer Hökerin steht unter ihrem Pantoffel, und zwar so tief und so knechtisch, dass er zittert, wenn sie böse wird. Dass er im Laufe des Tages viel zu zittern hat, ist, nach der obigen Beschreibung des Charakters seiner Ehehälfte, leicht zu ermessen. Hat es nun gar dem männlichen Teile eines solchen Paares beliebt, sich Herrn Bacchus dem zweiten (ich verstehe hierunter den Gott des Branntweins) in die Arme zu werfen und in einem schwankenden Verhältnis nach Hause zu kommen, so begnügt sich der weiblich Teil selten mit einem zürnenden Blicke, ja nicht einmal mit zahllosen Schimpfwörtern, sondern sie ergreift mit starker Hand den Stock und schwingt ihn mit großer Geläufigkeit so lange über den Rücken ihrer Hälfte, bis dieser der Rausch unter Schmerzen verloren gegangen ist. Man glaube ja nicht, dass solch ein Ehemann es wagt, auch seine ihm von der Natur verliehenen Kräfte zu gebrauchen, nein! Mit einer Seelenruhe ohnegleichen lässt er sich das Berliner Blau auf seinem Rücken fabrizieren und ist froh, wenn seine Gebieterin die ganze Schale ihres Zorns mit einem mal über ihn ausgegossen hat.

Äpfel, Birnen, Pflaumen usw., das sind die Hauptsachen; denn diese bringen, nachdem sie von den auf der Spree liegenden Schiffen wohlfeil erhandelt sind, reichen Gewinn, welcher mit phlegmatischer Ruhe in die weite Seitentasche der buntkattunenen Schürze hineingesteckt wird. Es ist wirklich interessant, eine echte Hökerin eine Stunde lang zu beobachten. Da sitzt sie nun, umgeben von zwanzig Körben mit blank geputzten Früchten, und schaut mit ihrem roten und ernsten Gesichte und mit einem stolzen Selbstbewusstsein in die Welt hinaus oder liest den „Beobachter an der Spree". Sie mag jetzt in der ruhigsten Stimmung sein, ihr Herz mag an nichts Böses denken, aber der Physiognom ist wird dennoch einen ewig lauernden Zorn in ihren Zügen bemerken und diese den gelblich-dunklen Wolken vergleichen, die zwar ernst und ruhig auf uns herab schauen, aus denen aber alle Augenblicke ein Donnerwetter herausplatzen kann. Und richtig! Da geht ein kleiner Schusterjunge vorüber, sieht sie, indem er sich umdreht, mit seinem schalkhaft lächelnden Gesicht noch einmal an und spricht ganz trocken, aber doch mit innerem Jauchzen über die präsumierte Frage: „Wat kosten de Viertelmetze Ananasse, Meester Hökern?" Nun geht's los! Tausend und aber mal tausend Schimpfwörter, die in keinem Lexikon zu finden sind, und bei denen man oft die seltene Verbindung der Hauptwörter bewundern muss, fliegen dem Jungen nach, der in einiger Entfernung stehen bleibt und sein schuhmacherliches Gemüt daran ergötzt. Außer einer Purpurröte, die sich über das Gesicht der Budenbesitzenden ausgegossen hat, ist wenig Veränderung in ihrem Äußeren zu finden, und ohne sich aus ihrer bequemen Stellung heraus zu begeben, bombardiert sie den Zögling des Pfriems so unaufhörlich mit seltenen Benennungen, dass dieser, den Zorn des auf den Branntwein harrenden Meisters fürchtend, mitten in der Lust die Stellung verlassen muss, und - nachdem er der Beleidigten noch einmal sein: „Wat kosten de Viertelmetze Ananasse, Messter Hökern?" zugerufen hat, in einem Viktualienkeller verschwindet. - Wer nun der Meinung ist, dass mit der Entfernung des Beleidigers die Verbalausbrüche der Zornigen aufhören, der irrt sich sehr. Auch ohne ein Objekt zu haben, tobt das vulkanische Gemüt des aufgeregten Subjektes fort, schleudert immer noch aus dem Krater seines Mundes zahllose Schimpfwörter durch die Luft und macht den Vorübergehenden staunen, der sich ein solches Selbstgespräch der Natur nicht erklären kann. Und wer möchte es nach dieser Beschreibung ihrer Charaktere nun wohl glauben, dass die Hökerinnen fromm sind, dass sie nach sechs Tagen der rastlosen Tätigkeit und des fortwährenden Ärgers am siebten das Bedürfnis fühlen: in die Kirche zu gehen. Es ist so. Kaum hat die sonntägliche Aurora die Welt geküsst und die Sonne sich aus ihrem Rosenbette emporgehoben, so schlägt die Budenbesitzende die Augen auf, hustet ein paar Mal, windet sich dann aus den mit bunter Leinwand überzogenen Federn hervor, zankt mit den Kindern und wirft sie und sich in die Staatskleider; zankt mit dem Ehegespons, das sich noch nicht aus den Armen Morpheus` befreien kann, gibt ihm vielleicht einen nicht unbedeutenden Seitenstoß aus der Fülle ihres Herzens und ihrer Knochen, nimmt dann das Gesangbuch in die Hand und wandert langsamen Schrittes in die Kirche. Vielleicht lenkt ihre Schritte nur die Gewohnheit, vielleicht führt sie auch das Bedürfnis, ihr herz zu erheben und sich an den Reden des Priesters zu erbauen; wir wollen, ihr zuliebe, das letztere glauben.

Der vielen Spaziergänger wegen ist der Sonntag gerade der größte Geschäftstag für die Hökerinnen; häufig wird die Viertelmetze gefüllt und ihr Inhalt später in die weite Rocktasche der aufgeputzten Lehrlinge hineingeschüttet. Ist aber der hökernde Familienvater, der freilich auf dieser Bühne des Lebens nur eine große Nebenrolle spielt, zufällig einmal im nüchternen Zustande, und ist bereits ein Sprössling der zarten Ehe so weit an Geist und Körper herangewachsen, dass er seinen Vater regulieren kann, so überträgt ihnen die Mutter, das gefürchtete Haupt, für heute die Geschäfte, geht mit einer guten Freundin bis nach den so genannten Zelten im Tiergarten, setzt sich in eine Gondel und lässt sich für zwei Silbergroschen unter Begleitung des Leierkastens durch die Wogen der Spree hinübersetzen nach dem Gelobten Lande, welches unter dem Namen Moabit bereits einen weltgeschichtlichen Ruf gefunden hat. Schauen wir jetzt die Hökerinnen in ihrem gewöhnlichen Leben und Treiben!