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Familie Stauffenberg: Hitlers Rache

Ursula Brekle

Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg war als Ehefrau von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der Schlüsselfigur im Widerstand gegen Hitler, von Anfang an in die Widerstandspläne ihres Mannes einbezogen. Sie bewies Mut und Stärke, obwohl sie nach der Ermordung ihres Mannes im Gefängnis und im KZ leben musste. Auch durch den Verlust von Angehö-rigen durchlebte sie eine leidvolle Zeit. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 drohte Himmler:
„Die Familie Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied.“
Vor Ihnen liegt die spannungsreiche Geschichte, die beweist, dass es Himmler nicht gelungen ist, die Drohung wahrzumachen. Die jüngste Tochter von fünf Geschwistern Konstanze wurde noch während der mütterlichen Haft geboren. Sie berichtete vom 90. Geburtstag ihrer Mutter Nina, auf dem über 40 Nachkommen zusammengekommen waren. Die Nationalsozialisten haben trotz Hinrichtungen und perfider Sippenhaft nicht gewonnen.

Der

Der "olle Schadow"

Schadow war der Sohn eines kleinen Berliner Schneiders. Seine Jugend verbrachte er in der Vaterstadt. Dann floh er mit seiner Braut, einer geborenen Österreicherin, nach Wien, und von dort aus besuchte er ihm Jahre 1785, 24 Jahre alt, auf Kosten seines Schwiegervater, Italien. Dieses Land machte ihn dann zu dem gereiften Künstler. Seit 1817 war er Direktor der Königlichen Akademie der Künste. Sein Auftreten erinnerte an die alten Meister des Mittelalters, er war gewissermaßen ein Peter Vischer ins Berlinerische übersetzt. Er hielt noch aufs Handwerk, davon ausgehend, dass es besser sei, das Handwerk zur Kunst als die Kunst zum Handwerk zu machen. Wenn Skizzen und Entwürfe über Gebühr und auf Kosten ausgeführter Arbeit gelobt wurden, pflegte er zu sagen: „Papier is weech, aber Stehen is hart." Von Professor Stabbfuß, einem Mitgliede der Akademie, der freilich alles andere als ein Künstler war, pflegte der „Olle Schadow" lächelnd zu sagen: „ Ja, der Stabfuß, der hat sich det Malen anjewöhnt", und einer Abordnung der Bildhauer, die ihm am Abend vorher einen Fackelzug gebracht hatten, antwortete er, ohne sich weiter auf Dankesworte einzulassen: „ Na, det hat euch woll ville Spaß gemacht?" Verhasst waren ihm alle, die durch Unterwürfigkeit ausgleichen wollten, was ihnen an Kraft und Können abging, und auf Schmeicheleien, wie etwa: „ Herr Direktor könnte das ja mit Leichtigkeit tun", pflegte er regelmäßig zu antworten: „ Ja, dun dun könnte ick et, aber ick du et nich." Auch hasste er jeden Dünkel. Merkte er dessen Aufkommen, so entstanden Gespräche wie das folgende. Schadow: „Haste det alleene jemacht?" Schüler:" Jawohl, Herr Direktor." Schadow: „Ganz alleene?" Schüler, mit beleidigtem Stolz:" Jawohl, Herr Direktor." Schadow:" Na, det is jut,
du kannst Töpper werden."

Als die Friedensklasse des Ordens Pour le merite gestiftet wurde, war es selbstverständlich, dass Schadow den Orden erhielt. König Friedrich Wilhelm III. begab sich in die Wohnung des Alten: "Lieber Schadow, ich bringe Ihnen hier den Pour le merite." „Ach, Majestät, wat soll ick alter Mann mit`n Orden?" „Aber lieber Schadow, ich selbst..." Betretenes Räuspern. „Jut, jut, ick nehme ihn. Aber eene Bedingung, Majestät, wenn ick dod bin, muss ihn mein Willem kriegen." Lächelnd willigte der König ein und verzeichnete in dem Ordensstatut ei-genhändig die Bemerkung, dass nach des Alten Tode der Orden auf Wilhelm Schadow, den berühmten Direktor der Düsseldorfer Akademie, übergehen solle. Als Knabe hatte Gottfried Schadow in seines Vaters Werkstatt auf der Schiefertafel die ersten Zeichenversuche ge-macht. Wie der alte Schneidermeister auf dem blauen Tuche mit Kreide zuerst mit Punkten die Form, die die einzelnen Kleidungsstücke erforderten, entwarf und dann zwischen den Punkten die geschweiften Linien zog, so entwarf der blondhaarige Junge auf seiner Schiefer-tafel zuerst mit Punkten die Formen seiner Bilder und führte Striche erst aus, wenn die punktierte Zeichnung richtig befunden. Siebzig Jahre später. Der „Olle Schadow" ist in den Aktsaal des Berliner Akademiegebäudes eingetreten.

Knochig, breitschultrig schreitet der rüstige Achtziger langsam von Platz zu Platz, von Bank zu Bank. Dann und wann bleibt er hinter einem Schüler stehen und blickt musternd über die Schulter des Zeichnenden. „Det is jut," sagt er zu einem und klopft ihm, zum Zeichen des Beifalls, mit seiner mächtigen Handfläche auf den Kopf. „Det is nischt," sagt er zu dem anderen und geht weiter. Ein Dritter müht sich, die Umrisse einer menschlichen Figur auf dem Papier festzuhalten. Aber die Linien sind nicht sicher gezogen, die Proportionen falsch. Der „Olle Schadow" heißt den Schüler aufstehen, nimmt auf dem leer gewordenen Stuhl Platz und sagt dann lakonisch: „Paß uff, ick mach`det so." Dabei nimmt er dem Schüler den Kreidestift aus der Hand, tupft Punkte auf das graue, grobkörnige Zeichenpapier, und während er dann die markierten Stellen mittels fest und sicher gezogenen Linien untereinander verbindet, bedeutet er seinem Schüler: „Det hab ick von meinem Vater, der war`n Schneider."

Mir oder mich

Es dürfte wohl allgemein als bekannt vorauszusetzen sein, dass der Berliner fortwährend  „mir" und „mich" verwechselt. Das soll aber auch hin und wieder einem Nichtberliner passieren, und er setzt dann ein „mich", wohin eigentlich ein „mir" gehört. Damit nun ein  für allemal Klarheit in die Geschichte kommt und jedermann dann weiß, wann er „mir" und wann er „mich" zu sagen hat, erteilen wir nun das Wort dem Füsilier Schulze V, gebürtig Mulackstraße, Berlin j. d. „Wenn ick for mir alleene spreche, denn sage ick imma „mich" - zum Beispiel: „Jib mich mal dein Seitenjewehr" - wenn ick aber for uns alle zusammen spreche, denn sage ick „mir" - zum Beispiel: „Mir ham heit Nachmittag Exerzieren."

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Entnommen aus „Da ham'se den Berliner!" von Peter Purzelbaum, Heinrich Beenken Verlag, Berlin