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Weihnachten bei Familie Luther

Christoph Werner

Luthers jüngster Sohn erzählt vom Christfest

Paul Luther, der jüngste Spross der Lutherfamilie, gewährt dem Leser Einblick in sein Leben und das seiner Familie.
Er berichtet von seiner Kindheit in Wittenberg und der Krankheit seines Vaters, von seiner Verwicklung, die ihm als Leibarzt widerfuhren, und von den Intrigen am Gothaer Hof. Reichlich illustriert öffnen sie dem Leser die Tür zur Weihnachtsstube der Familie Luther.

Das Pergamon-Museum

Das Pergamon-Museum

Sigmar Mehring

Wie der Vizewachmeister a. D. Wilhelm Wuppke seiner Frau die Antike erklärt

 

Wuppke (am Eingang, zum Museumsdiener): Morj`n, Herr Kastellan. Sag`n Se mal, bin ick hier recht bei Perjamont?

Museumsdiener: Ja, hier, gehen Sie nur die Treppe hinauf.

Frau Wuppke: Wie hoch wohnen denn die Jötter?

Wuppke: Na, natürlich Beletage. Die hab`n `s doch dazu! Da is de Türe, hier heest et: ohne zu kloppen rein.

Frau Wuppke: Een Jlasdach! Det is wie`n Treibhaus, wo de Palmen und andere orientalsche Pflanzen jezüchtet wer`n.

Wuppke: So sah wohl det Ding im ollen Jriechenland aus. Hier is allens naturjetreue Nachbildung! Da, jleich vorn in der Mitte, det is der Zeus, den se den Tempel erbaut hab`n.

Frau Wuppke: Jotte! Mit`n richtijen modernen Schnurrbart! `n schöner Mann, dieser Jott!

Ein Fremder: Das ist nicht die Büste von Zeus, sondern von Humann.

Frau Wuppke: Humann, wer is`n det! Ick bin mit die jriechische Jötterfamilie nicht so bekannt.

Fremder: Humann ist ein guter Deutscher, ein Gelehrter, der den Pergamon-Tempel ausgegraben hat.

Wuppke: Wat denn? Wat denn? Der Schatzjräber heeßt doch Schliemann.

Fremder: Nein, das ist wieder ein anderer. Schliemann hat in Griechenland gegraben, diese Funde aber stammen von Humann.

Wuppke: Se woll`n mir wohl uzen? Sind des etwa keene jriechischen Fijuren?

Fremder: Diese Skulpturen haben pergamenische Künstler geschaffen. Das ist doch ein Unterschied.

Wuppke: Daß ick nicht wüßte!

Fremder: Ja, Sie haben eben nicht das humanistische Gymnasium besucht.

Wuppke: Nee, zu den Humann uffs Jymnasium bin ich allerdings nich jejangen.

Frau Wuppke: Laß dir doch mit den Stiefel nich in. Sieh`man bloß die Masse Fijuren. Aber schade, det se alle so zerschlagen sind. Nee, wenn de Mächens beim Abstauben nich ahct jeben, det jeht ooch allens kaputt.

Wuppke: Et is`n Wunder, daß se überhaupt so lange jehalten haben, - bedenke zweetausend Jahre.

Frau Wuppke: Un wo et doch bloß Papier is!

Wuppke: Papier? Wie kommste`n daruff?

Frau Wuppke: Na, Perjament denk`ich, et heeßt doch Perjament-Museum?

Wuppke: Nee, Hanne, aber über dich aber ooch! Alle Worte verdrehste! Perjament und Perjamont, det is doch `n Unterschied. Die Burch hieß Perjamont. Und da wohnte so`n oller antiquarischer Heldenkaiser drin, der natürlich heidenmäßig ville Jeld hatte. Und der ließ nun den jriechischen Bejas zu sich kommen un bestellte bei ihm, wie das damals so Sitte war, eene Ahnenjallerie aus Marmor und `n jroßen jriechischen Dom. Und der Bejas fiff nu seine Jesellen `ran, und da hauten se denn die Jötter aus.

Frau Wuppke: Dett heeßt, bloß uff eene Seite. Mit die andere sind die Fijuren alle an die Wand jeklebt. Da habe`n se`t doch bei uns in die Siejes-Allee feiner rausjekriejt.

Fremder: Das hier sind Hochreliefs.

Wuppke: Wo det so niedrig is?

Frau Wuppke: Stille doch! Merkste nich, das der dir durchaus uzen will?

Wuppke: Schade, daß ick keenen Kataloch bei mir habe.

Frau Wuppke: Wozu denn? Hier steht ja allens an die Wand jeschrieben, wie die Männer und Frauen hießen. Da, kiek mal: Nike, die bekannte Wurschtfirma. Det wußt`ick ooch nich, daß die schon aus Jriechenland stammen. Und hier Idas. Man sieht aber bloß eene, die andern hab`n se wahrscheinlich nich uffjefunden.

Wuppke: Ja, et is leider nischt vollständig. Darin liejt ja der jroße Wert! Eene Fijur mit keenen Kopp druff, det jilt allemal als `n jroßes Kunstwerk.

Frau Wuppke: Kiek doch, hier an der Wand sind ooch noch Fijuren. (Liest:) „Bau der Arche für Auge". Auge?

Wuppke: Det war woll der jriechische Noah.

Fremder: Nein, Auge ist eine Frau, die mit dem Telephos verbunden werden sollte.

Wuppke (wütend): Mit`n Telephon! Aber det jab et ja noch jarnich!

Frau Wuppke: Siehste nich, daß es bei den im Oberstübel nich richtich is?

Fremder: Das sind hier Bruchstücke aus der Telephossage, die der Restaurateur mit großer Geschicklichkeit zusammengestellt hat.

Wuppke: Der Restaurateur! Wat für`n Restaurateur?

Frau Wuppke: Ach, er meent woll den bei`m Einjang. Haste nich jesehn? Vorne is ja so`ne Bude mitten mang de andern Museums, da steht jroß und breit „Restauration" dran.

Wuppke: Wirklich? Det macht Appetit. Komm Olle, jeh`n wer for unser leibliches Wohl sorjen. Det ist allemal det Scheenste von so`ne jeistije Anstrengung!...

 

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Textquelle: „Aus dem Dreimillionen-Haufen" von Sigmar Mehring, Berlin 1912 Hans Bondy, Verlagsbuchhandlung

Fotografiert und Text gefunden: Hannelore Eckert

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